1.)
Die Iraker brauchen internationale
Solidarität, keine Unterstützung für Gewalt
Die deutsche Übersetzung eines Artikels von Abdulllah
Muhsin (Repräsentant der Irakischen Förderation
der Gewerkschaften für das Ausland und Mitglied der
Irakischen KP) aus dem Guardian.
In diesem Artikel weist der irakische Genosse die Lüge
aus den Kreisen der Baath-Anhänger - die von bestimmten
trotzkistischen Organisationen willig weitergetragen wird
- zurück, er habe auf dem Gewerkschaftskongress der
britischen Gewerkschaft TUC bzw. dem Parteitag der Labour
Party (da variieren die Verleumdungen) den Krieg, die Besatzung
und die Politik von Tony Blair verteidigt. zum
Artikel
2.) in englicher Sprache die Originalrede
von Abdulllah Muhsin auf einem besagten Treffen am
Rande des Labour Parteitages. zum
Artikel
3.) einen Artikel von Frank Smyth: "Wer
steht für Fortschritt im Irak?" zum
Artikel
4.) die Rede des Vertreters der Irakischen
KP beim Treffen der Kommunistischen und Arbeiterparteien
in Athen in deutscher Sprache zum
Artikel
5.) einen Artikel von Rashid Ghewielib: "Nach
fast 22 Jahren: Begegnung mit Bagdad" zum
Artikel
Die Iraker brauchen
internationale Solidarität, keine Unterstützung
für Gewalt
Abdullah Muhsin, Samstag 23.10.2004
The Guardian
Einige im Westen haben fälschlicherweise argumentiert,
dass das Chaos im Irak einen nationalen Befreiungskampf darstellt.
Sie riskieren, einen historischen Mythos über unser Land
zu verewigen. Es gibt immer das Risiko kulturellen Imperialismus,
wenn Menschen im Namen anderer über nationale Befreiung
sprechen. Als ich im Oktober 2003, sechs Monate nach dem Sturz
des Saddam-Regimes, an der Universität von Bagdad zu
Studenten sprach, sagten sie mir: "Wir waren gegen Saddam,
wir waren gegen den Krieg und wir sind gegen die Besetzung."
Heute haben diese jungen Menschen weitere 12 Monate einer
schwindenden Sicherheit, einer nach unten führenden Gewaltspirale,
einer Seuche von Kidnappings an Irakern (ganz zu schweigen
von denen an arabischen und anderen Staatsbürgern)und
eines grotesken, erstmalig in der irakischen Geschichte zu
beobachtenden Auftauchens der Selbstmordattentate erdulden
müssen. Der seitens der US-Kräfte erfolgte Einsatz
von Kampfhubschraubern und F 16ern gegen Zivilisten erinnert
die Iraker an die bekannte staatliche Gewalt.
Einfache irakische Arbeiter wollen eine vereinigte, demokratische
und föderative Nation aufbauen, in der sie Menschenrechte
und politische Freiheiten genießen können, wie
sie in Europa üblich sind und nicht als Schachfiguren
in einem Zusammenprall ideologischer Fundamentalismen missbraucht
werden.
Ich wurde 1978 gezwungen, als gewählter Funktionär
der von Saddam verbotenen Studentengewerkschaft aus dem Irak
zu fliehen. Im selben Jahr in Rom griffen mich fünf Schläger
von Saddams Mukhabarat an und stachen meinen Freund nieder,
als wir in einer Studentenmensa Flugblätter verteilten.
Mit anderen Irakern, sowohl im Exil als auch illegal im Lande,
arbeitete ich in den 80ern und 90ern dafür, eine von
den staatlich kontrollierten Gewerkschaften unabhängige
Arbeiter- und Studentenbewegung aufrecht zu erhalten. Im Februar
2003 demonstrierten wir in London und anderen Städten
gegen den Krieg, weil wir wussten, dass seine ersten Opfer
unausweichlich die selben irakischen Zivilisten sein würden,
die angeblich befreit werden sollten. Unsere erste Aktion
nach dem Fall des Saddam-Regimes war, eine offene, demokratische
und unabhängige Gewerkschaft aufzubauen, die Irakische
Föderation der Gewerkschaften (IFTU).
Heute liegt Irak unter Beschuss. Wer in Großbritannien
Menschenrechte und Freiheiten liebt, hat zwei Optionen: Benzin
in die Flammen zu gießen und die Gewalt anzuheizen,
was sicherlich zum Ende der territorialen Integrität
des Irak führen wird, zu seiner Auflösung und Balkanisierung,
oder aber den irakischen Demokraten, Sozialisten und Gewerkschaftern
Solidarität anzubieten.
Die sich entwickelnden Zeichen einer pulsierenden Zivilgesellschaft
von z.B. Frauenorganisationen, Gewerkschaften und Studentenverbänden
zeigen eine echte politische Chance, die Besetzung zu beenden
und die Kräfte zu isolieren, die für sektiererische,
regionale und religiöse Gewalt eintreten. In diesem Zusammenhang
muss auf die jüngsten Angriffe auf die IFTU durch die
Stop the War Coalition, George Galloway (trotzkistischer Unterhausabgeordneter,
der Übersetzer) und anderer eingegangen werden; insbesondere
auf ihre Behauptungen, dass wir auf dem Labour-Parteitag Gewerkschaften
gedrängt hätten, die Regierungsposition in der Irakdebatte
zu unterstützen.
Wir haben durch den TUC (Dachverband der britischen Gewerkschaften,
der Übersetzer) und die britischen Gewerkschaften enorme
Unterstützung erhalten. Ich wurde als Gast (der Gewerkschaft,
d. Übers.) Unison zum Labour-Parteitag eingeladen. Als
ich zu einer Randveranstaltung des Parteitags sprach, wurde
ich durch Redner unterstützt, die die Linie der IFTU
gegen den Krieg und die Besetzung unterstützten. Meine
Rede sprach sich für den Abzug der fremden Truppen und
für eine echte Übertragung der Macht an das irakische
Volk aus. Ich erklärte die Politik der IFTU, die UN-Resolution
1546 zu unterstützen. Ich habe den Gewerkschaften keine
Ratschläge über ihr Abstimmungsverhalten zu Anträgen
über den Irak erteilt und meine Anmerkungen darauf beschränkt,
auf Solidarität mit den irakischen Arbeitern zu drängen.
Die IFTU ist gegen die Besetzung unseres Landes, ist weiterhin
gegen den illegalen Krieg gegen den Irak und gegen die entsetzliche
Entscheidung der Besatzungsmächte, die Funktionen des
Staates rechtsgültig aufzuheben statt den Staat von Saddams
Handlangern zu säubern. Sie versuchen, durch inkompetente
Plünderer im Dienste der Konzerne durchgeführte
Politik des freien Marktes und der Privatisierung durchzusetzen,
deren Ziel die wirtschaftliche Besetzung unseres Landes ist.
Unsere Gewerkschaften sind die wichtigsten Hindernisse für
eine solche Politik.
Einige suggerieren fälschlicherweise eine Dichotomie
zwischen dem jordanischen Terroristen Abu Musab al- Zarquai
und einem von der Mitte der Gesellschaft getragenen nationalen
irakischen Widerstand. Der Irak ist kein neues Vietnam. Der
sogenannten Widerstand - das sind keine Widerstandskämpfer.
Der Widerstand bietet bestenfalls ein weiteres nach Saddams
Diktatur gestricktes Regime, schlimmstenfalls eine durch al-Zarqawi
inspirierte mittelalterliche Theokratie, die den Irak lieber
als Afghanistan als Basis ihres Krieges gegen die USA und
die arabischen Regime nutzt. Diese Kräfte bieten den
Irakern nur die Hölle und vertreten einige der für
die Welt gefährlichsten Ideen. Sie haben keine bekannten
sozialen oder politischen Programme und keine Verankerung
in der Bevölkerung und werden von den meisten Irakern
gefürchtet.
Die weitverbreitete Haltung des Volkes gegen die fremde Besetzung
unseres Landes bedeutet keine Legitimierung dieser Kräfte.
Mit der Unterstützung der britischen und internationalen
Arbeiterbewegung sowie anderer Menschen haben wir die Pflicht,
zu sichern, dass die irakische Zivilgesellschaft gehört
wird.
(Abdulllah Muhsin ist der Repräsentant der Irakischen
Förderation der Gewerkschaften für das Ausland.)
October 02, 2004
Grassroots Iraq: IFTU addresses Labour Party Conference fringe
meeting
The Iraqi Federation of Trade Unions (IFTU) hosted a fringe
meeting at the Labour Party Conference in Brighton on 29 September
2004, chaired by Harry Barnes Labour MP who is a member of
the Socialist Campaign Group of Labour MPs and who opposed
the war on Iraq.
The speakers were Abdullah Muhsin IFTU, Bill Ramell MP, Owen
Tudor TUC International Secretary, Keith Sonnet Deputy General
Secretary UNISON, Brian Joyce NEC (Treasurer) Fire Brigades
Union.
Abdullah Muhsin's address to the fringe meeting follows:
"I would like to extend the warm greetings of the Iraqi
Federation of Trade Unions to each of you. Thanks you for
coming here tonight. I believe all of us have very important
work to do together. I want to say that supporting grassroots
Iraq, supporting the Iraqi democrats, is today the most important
work there is.
"Comrades, along with many of you the IFTU opposed the
war. With many of you IFTU marched through London. And, with
many of you IFTU still think it was right to do so. And comrades,
like many of you, IFTU fights for democratic elections and
a self-governing and fully sovereign Iraq. Nothing less is
acceptable.
"This is what I want to talk about tonight. But first
let me tell you my own history.
"26 years ago I was forced to flee Iraq. I was an elected
officer of the student union that Saddam had banned. My experience
as an Iraqi refugee in Europe was of Saddam's murderous state
security apparatus exporting terror wherever we raised a dissident
voice against his regime. In Rome in 1978 a group of 5 thugs
dressed in black from Saddam's Mukhabarat attacked me and
stabbed my friend while we handed out leaflets in a student
canteen.
"Together with other Iraqis both in exile and clandestinely
within the country, I worked during the 1980s and 90s to preserve
an independent labour and student movement from the state-controlled
yellow unions established by Saddam. In 1984 the Workers Democratic
Trade Union Movement organised a strike of 4000 tobacco workers
in Iraqi Kurdistan. The strikers were brutally suppressed
by Saddams security apparatus.
"In May 2003 we emerged for the underground and created
the Iraqi Federation of Trade Unions (IFTU). And against all
the odds the IFTU has achieved some great things. 12 national
unions in key sectors of Iraq economy have been established.
The IFTU includes the Oil and Gas Workers' Union, the Railway
Workers' Union, the Transport and Communication Workers Union,
The Mechanics, Printing and Metalworkers' Union, and the Construction
and Woodworkers Union. During June 2004, 6 IFTU constituent
unions held their first open and free conferences in Baghdad.
"But we are climbing up a steep mountainside and it is
not a climb that we can make without your support. Saddam
was truly a catastrophe that crashed down on the heads of
the once mighty Iraqi labour movement. In 1959 the unions
mobilised over half million working people for the May Day
from a population of about 7 millions. Today the IFTU have
to raise money to send a travelling theatre bus on tour in
Iraq, performing plays that tell Iraqi workers what trade
unions are. Why is this necessary? Because Saddam transformed
trade unions into brutal agents of the state police and recruiting
sergeants for his wars. Under Saddam that's what trade unions
were. All the independent unions were crushed and their leaders
killed, imprisoned or exiled. Stooge unions replaced them.
So we are starting again. We are rebuilding. And we desperately
need your help.
"Together we can rebuild the labour movement in Iraq.
A powerful trade union movement could bring Iraqi together
regardless of their religious, ethnic or national origins.
The IFTU is not Shia, Kurd or Sunni, Assyrian or Christian,
but brings all Iraqis together to improve working conditions,
pay and social provision and to achieve a democratic and pluralist
Iraq of social justice and economic prosperity.
"The IFTU campaigns on many fronts for the needs of ordinary
Iraqis.
* IFTU campaigns for workers rights to organise freely, to
join or form a union and have the right to strike and enjoy
trade union representation.
* IFTU campaigns for workers right to be actively involved
in influencing economic and social policies.
* IFTU campaigns for an increase in the role of women at all
levels within the unions and in wider civil society.
* IFTU campaigns for special attention to the social and economic
needs of disabled people of whom there are many after Saddam's
internal and external wars of genocide and aggression.
* IFTU campaigns for Jobs, more than 50% of our able working
people remain unemployed.
* IFTU campaigns for a Labour Law - and I need to say few
words here. We want a labour law that incorporates the International
Labour Organisation declaration on fundamental principles
and rights at work. The IFTU regards the ILO Declaration as
a statement of fundamental human rights and freedoms universally
applicable. The IFTU is in consultation with the ILO, the
Iraqi Ministry of Labour and Social Affairs and representatives
of Iraqi businesses and professional associations like the
teachers' union, pushing hard for a labour law that will guarantee
workers basic rights to employment, health and safety and
legal compensation for injury at work.
"Those demands are much the same the world over. But
we are not anywhere in the world. We are in Iraq. And that
means we also have to deal with the overall political situation.
"We want foreign troops out of our homeland as part of
a political process that enables the Iraqi people exercise
fully our right to decide our destiny and political future.
"We want free and democratic elections, which are supervised
by the UN.
"We want to ensure a real transfer of power to the Iraqi
people and regain full sovereignty for Iraq. This was the
demand of the Iraqi people after the collapse of Saddam's
regime on 9th April 2004, and their voice and legitimate demand
should been heard, rather than imposing an occupation.
"This is also the way to build a unified democratic Iraq,
laying the basis for democratic institutions, and preventing,
once and for all, the return of dictatorial and authoritarian
rule.
"Now, in Iraq, the majority of the Iraqi people, the
democrats and trade unionists, battle to end the occupation
and build democratic foundations for a free and independent
Iraq. In this work, we are hindered by reactionary, anti-social
forces and terrorists.
"There are grave security problems in Iraq but those
causing them are not as some have wrongly said, 'the resistance'.
They are nothing like the macquis, who bravely resisted the
Nazis during the Second World War, but rather a mixture of
Saddam's loyalist and foreign terrorists, who for the first
time in Iraq history, have imported the terrible weapon of
the suicide bomb.
"Today Iraq is on fire. Those in Britain who fight for
universal human rights and freedom have two options.
"One: You can add petrol to the flames and fuel violence,
which will certainly lead to bloody civil and the end of Iraq's
territorial integrity (whether those who urge support for
this so called Iraqi resistance are conscious of it or not).
"Alternatively, you can offer solidarity and support
to Iraqi democrats, socialists and trade unionists. There
are civil organisations of women, trade unionists and students
in Iraq who present a real political opportunity to end foreign
militarisation of Iraq and to isolate the forces promoting
sectarian and religious violence.
"To support those fighting for a democratic, sovereign
Iraq the UN resolution 1546 must be fully implemented. The
transfer of power to an Iraqi interim government was a crucial
step forward for Iraqis to regain full sovereignty. But the
road to full sovereignty and self-determination is signposted
'free and democratic Iraq'. Nothing less is acceptable. Nothing
less will undercut the appeal of so-called resistance.
"Iraq is potentially a very wealthy country. But we are
crippled by debt. It would help a great deal if the debts
run by Saddam and his cronies were cancelled or substantially
reduced. This money was borrowed not for the development of
Iraq but for its destruction. We may be an oil rich country,
but Saddam squandered much of that wealth on wars, arms and
personal enrichment.
"With the help of international solidarity and yours
the IFTU can play an important role in helping a sovereign
and democratic Iraq to emerge from the long nightmare of Saddam.
"In all these tasks the IFTU is appealing urgently for
your solidarity.
"Thank you." - ENDS
Posted by abdullah at October 2, 2004 01:54 PM
Wer steht für Fortschritt
im Irak?
Die Linke, die Rechte und die Islamisten
Von Frank Smyth (freischaffender Journalist, der bereits linke
Guerillas in El Salvador, Irak und Ruanda als Reporter begleitet
hat. 1991 berichtete er von den Aufständen gegen Saddam
Husseins Regime, wurde gefangen genommen und zwei Wochen im
Bagdader Abu-Ghraib-Gefängnis festgehalten. Den nachfolgenden
Artikel hat er für "Foreign Policy in Focus"
(www.fpif.org) geschrieben. Seine Berichte sind auch auf www.franksmyth.com
zu finden.)
Über ein Ereignis aus Bagdad wurde diesen Monat nicht
berichtet - weder in den Medien des Mainstreams noch in der
sogenannten alternativen Presse - obwohl es zeigt dass die
Kontrolle über die politische Zukunft des Irak den USA
allmählich aus den Händen gleitet. Das Weiße
Haus unterstützte die Wahl eines irakischen Nationalrates,
der im August von 100 Irakis aus verschiedenen ethnischen
und religiösen Gruppen sowie Volksstämmen gebildet
wurde. Damit wollte Washington Einfluss auf die Zusammensetzung
dieses Gremiums nehmen, das die kommenden Wahlen überwachen
soll. Aus dieser Abstimmung. sind jedoch zwei von Washington
seit langem mit großem Misstrauen beäugte Parteien
als Sieger hervor gegangen.
Viele bezweifeln die Legitimität dieses Verfahrens, mit
dem die Bush-Administration den Irak zu den landesweiten Wahlen
im nächsten Januar steuern will. Die indirekte Abstimmung
auf der genannten Nationalkonferenz fand unter Kriegsbedingungen
statt. Associated Press berichtete sogar von Granaten-Einschlägen
in der Nähe des Gebäudes in Bagdad, wo die Abgeordneten
tagten. Sie erhöhten die Zahl der Vizepräsidenten
des Nationalrates von zwei auf vier. Sonst wäre das Wahlergebnis
für das Weiße Haus noch unangenehmer ausgefallen.
In der Abstimmung vom September siegte der Vertreter des "Obersten
Rates für eine Islamische Revolution im Irak" (SCIRI),
Dschawad al-Maliki, mit 56 Stimmen. Dessen schiitische Gruppe
hatte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld während der
US-geführten Invasion als Werkzeug des Iran bezeichnet.
Noch unangenehmer muss Washington der Generalsekretär
der Kommunistischen Partei Iraks (IKP - www.iraqcp.org), Hamid
Majid Moussa sein, der mit 55 Stimmen Zweiter wurde. Dagegen
erreichte der Kandidat der Partei der Irakischen Nationalen
Einheit (INA), Rasim al Awadi, die früher von der CIA
unterstützt wurde, mit 53 Stimmen nur den dritten Platz.
Ihr Führer, Ijad Allawi, ist von Washington zum irakischen
Premier ausersehen worden. Vierter wurde Nasir A'if al-Ani
- Kandidat der Islamischen Partei, einer sunnitischen Gruppe,
die mit den westlich und nördlich von Bagdad operierenden
baathistischen Widerstandskämpfern sympathisiert. Er
erreichte 48 Stimmen.
Alles in allem verheißt es für die Bush-Administration
nichts Gutes, wenn nur einer ihrer Verbündeten auf einen
der möglichen vier Sitze in diesem potenziell entscheidenden
Wahlüberwachungs-Gremium gelangte. Als dieses gebildet,
aber noch nicht bestätigt war, erklärte der Sprecher
des Weißen Hauses, Scott McClellan, auf Präsident
Bushs Ranch in Crawford, Texas: "Die Zusammensetzung
des Nationalrates zeigt, dass die Iraker den Terroristen nicht
gestatten werden, sich ihrer demokratischen Zukunft in den
Weg zu stellen."
Was aber, wenn die Wahlen im Irak nächstes Jahr eine
ganz andere Regierung hervorbringen, als sie die Bush-Administration
erwartet? Der angesehene Arabist der University of Michigan,
Juan Cole, war einer der ersten, der über das Ergebnis
der Wahl zum Nationalrat berichtete. In seinem Weblog (einer
Art Tagebuch auf seiner Homepage www.juancole.com) witzelte
er: "Diese Liste ist ein weiterer Beweis dafür,
dass die USA in den Irak einmarschiert sind, um dort eine
Koalition von Kommunisten, Islamisten und nationalistischen
Ex-Baathisten zu installieren. Wenn man so etwas vor drei
Jahren gesagt hätte, wäre man ausgelacht worden!"
Der Feind meines Feindes
Viele amerikanische Linke scheinen wenig von ihren Gleichgesinnten
im Irak zu wissen, denn um die Rolle der Irakischen Linken
zu verstehen, ist eine differenzierte Betrachtungsweise erforderlich.
Leider haben sich die reflexartigen anti-imperialistischen
Analysen von Gruppen wie International A.N.S.W.E.R auch in
einige progressive Veröffentlichungen eingeschlichen.
In Meldungen und Leitartikeln von "The Nation" oder
Berichten und Kommentaren des unabhängigen Radiosenders
"Democracy Now" wird die Rolle der progressiven
Kräfte im Irak weitgehend ignoriert. Stattdessen werden
die verschiedenen Splittergruppen des Widerstandes gegen die
US-Truppen auf den Schild gehoben, ja sogar bejubelt, ohne
zu hinterfragen, wer diese Gruppen sind und für wen sie
in den Augen der Iraker stehen.
Dabei ist inzwischen einiges über den Irakkrieg eindeutig
klar. Die US-geführte Invasion war das gefährlichste
und waghalsigste Unternehmen der Vereinigten Staaten seit
dem Vietnamkrieg. Für diese unüberlegte Aktion zahlt
Amerika schon jetzt einen hohen Preis, der in Zukunft zweifellos
weiter ansteigen wird. In kaum mehr als einem Jahr sind über
1000 amerikanische Soldaten gefallen. Und das in einem Feldzug,
der die Sicherheit der USA bereits jetzt tief greifender gefährdet,
als es der Kandidat der Demokraten, John Kerry, ausgedrückt
hat. Noch nie sind die Vereinigten Staaten laut internationalen
Meinungsumfragen weltweit so abgelehnt, ja feindselig betrachtet
worden. Genau das aber ist die Art von Umfeld, in dem die
Saat der Terroristen von Al Khaida gedeiht, die eine reale,
dauerhafte Bedrohung für die USA und andere Staaten darstellen.
Die US-Friedensaktivisten, die gegen den Krieg demonstrierten,
haben einen wertvollen Beitrag dafür geleistet, dass
die Welt weiß: Millionen Amerikaner lehnen die US-geführte
Invasion ab. Aber der Feind deines Feindes ist nicht unbedingt
dein Freund. So zu denken hieße einer Orwell'schen Logik
zu folgen, die amerikanische Kriegsgegner nicht nur uninformiert,
sondern genau so zynisch wie die von ihnen bekämpften
Kriegsbefürworter erscheinen lässt.
Wer hasste Saddam?
Unter Saddam Husseins Kritikern findet sich kein Geringerer
als Osama Bin Laden, der den irakischen Führer bei jeder
Gelegenheit als "Ungläubigen" oder als "falschen
Muslim" bezeichnete, wenn er ihn in seinen Interviews
und Erklärungen überhaupt erwähnte. Der Radikalste
aller Muslime wusste nur zu gut, dass kein anderer arabischer
Staat der Neuzeit so viele Muslime gefoltert und gemordet
hat wie Saddams Baath-Regime. Kein Führer im Nahen Osten
hat auch annähernd so viele Kommunisten umgebracht wie
Saddam in den Jahrzehnten seiner Herrschaft.
Die Baath-Partei, die eine arabische Renaissance anstrebte,
war sowohl antikommunistisch als auch anti-islamisch und hat
ihren ethnischen Nationalismus ganz offen vertreten. Unter
Saddam Hussein errichtete sie ein Minderheits-Regime. Sie
wurde lange Zeit von arabischen Sunniten dominiert, die nur
etwa 17 Prozent der irakischen Bevölkerung ausmachen.
Das entspricht etwa dem Anteil der weißen Bevölkerung
in Südafrika.
Araber der schiitischen Glaubensrichtung sind dagegen im Irak
so zahlreich wie Schwarze in Südafrika. Jeder, der die
Schwachen unterstützen und stärken will, sollte
wissen, dass die Schiiten seit langem die Ärmsten des
Irak sind und auch am Schwersten unter den von den USA durchgesetzten
UNO-Sanktionen gelitten haben. Schiitische Männer dienten
meist nur als Kanonenfutter für Saddams militärische
Abenteuer. Wie die Schiiten haben auch die Kurden, etwa 20
% der irakischen Bevölkerung, unter Saddam nie mehr als
formale Rechte genossen.
Der Widerstand gegen das Saddam-Regime von 1979 bis 2003 hatte
viele Formen. Die Gruppen, die gegen die Diktatur kämpften,
rekrutierten sich in der Hauptsache aus Kreisen von Schiiten,
Islamisten, Kurdischen Nationalisten oder Kommunisten. Unter
den brutalen Schlägen des Baath-Regimes haben sie Zehntausende
ihrer Anhänger verloren. Manche amerikanische Linke suchen
das Saddam-Regime mit dem Argument zu verharmlosen, es sei
nicht schlimmer als viele andere in der Welt. Aber Saddams
Methoden sind eine Sache für sich: ein äußerst
hartes Vorgehen, wozu das systematische Foltern und Vergewaltigen
von Familienangehörigen Verdächtiger gehörte,
war für ihn charakteristisch. Wenige Diktaturen in der
Welt waren so brutal - vielleicht noch die vom CIA ausgehaltene
Regierung Guatemalas in den 80er Jahren. Anzumerken ist, dass
dieses Regime zusammen mit dem Saddams zur Zeit der Reagan-Administration
von den USA insgeheim Unterstützung erhielt.
Amerikanische Linke waren in den letzten Jahren nicht die
Einzigen, die die verschiedenen Gruppen des Widerstands gegen
Saddams Tyrannei ignoriert haben. Auch die amerikanischen
Rechten, in der jüngsten Zeit angeführt von den
Neo-Konservativen der Bush-Administration, haben diese Gruppen
nicht Ernst genommen, als sie 2003 im Vorfeld der Invasion
nach irakischen Bündnispartnern suchten. Anstatt auf
Gegner Saddams mit einer breiten Basis im Lande wie die Schiiten
oder den säkularen linken Widerstand zuzugehen, die bis
2003 bewaffnete Untergrund-Kämpfer im Irak hatten, verbündete
sich die Bush-Administration mit einer Gruppe von Ex-Monarchisten
unter dem mittlerweile diskreditierten Ahmed Chalabi. 1958,
als die kurzlebige, von den Briten eingesetzte Monarchie gestürzt
wurde, war dessen Vater der reichste Mann von Bagdad und damit
eindeutig der alten Herrschaftsschicht zugehörig. Die
Baathisten, an deren Spitze schließlich Saddam trat,
konnten sich im darauf folgenden Machtkampf durchsetzen. Aber
sowohl der schiitischen Mehrheit als auch den Kurden, der
zweitgrößten Bevölkerungsgruppe im Irak, blieben
Wohlstand und politischer Einfluss verwehrt.
Widerstand contra Revolutionäre
Heute kämpft eine Vielzahl von Splittergruppen gegen
die US-Truppen im Irak. Das selbstherrliche Auftreten der
US-Besatzer hat viele Nationalisten ermutigt, sich ihnen anzuschließen.
Die Amerikaner brechen in Häuser ein, wobei Frauen häufig
grob behandelt und Kinder verängstigt werden, sie feuern
mit Granaten und Raketen auf Wohngebiete, was viele zivile
Opfern kostet, sie misshandeln und foltern irakische Gefangene
-siehe die Vorkommnisse im Gefängnis Abu-Ghraib.
Alle Gruppen des organisierten Widerstandes sind heute aber
in diesem oder jenem Sinne den reaktionären Kräften
zuzurechnen. Der Widerstand um die Städte Falludscha,
Tikrit und Bagdad, im so genannten Sunnitischen Dreieck, wird
von ehemaligen Baathisten angeführt, die die alte Diktatur
der Minderheit wieder errichten wollen. Wie Juan Cole anmerkt,
erkennt zum Beispiel der sunnitische Delegierte der Islamischen
Partei im Nationalrat, Nasir A'if al-Ani, die Schiiten nicht
einmal als Bevölkerungsmehrheit im Irak an. In Südafrika
behaupteten nicht einmal die borniertesten weißen Anhänger
der Apartheid, die Schwarzen seien eine Minderheit.
Andere, wie die Journalistin Naomi Klein, scheinen inzwischen
auf eine naive Art von der al-Mahdi-Miliz angetan zu sein,
die sich kürzlich in Nadschaf mit US-Marines Gefechte
lieferte. Die al-Mahdi-Miliz ist eine lose organisierte schiitische
Oppositionsgruppe, die von Muktadar al-Sadr geführt wird.
Das ist ein junger Mann, der nach der Ermordung seines Vaters
und zweier Brüder durch Saddams Truppen seine Rolle gefunden
hat. Da ihm die Erfahrung und Bildung eines hohen geistlichen
Gelehrten fehlen, versucht Al-Sadr, Anhänger anderer
geachteter schiitischer Prediger abzuwerben, indem er auf
die gewaltsame Durchsetzung von Glaubenssätzen des Islam
orientiert, so z. B. die Unterdrückung von Frauen und
Homosexuellen.
Das dritte ins Gewicht fallende Element des Widerstandes im
Irak sind ausländische Islamisten von Al-Khaida, die,
wie die saudische Königsfamilie und Osama Bin Laden den
Wahabismus, die extremste Form des Islam, praktizieren. Möglicherweise
sind die beiden kürzlich entführten jungen Italienerinnen
die Opfer einer dieser Gruppen geworden. Und das, obwohl die
beiden Frauen für die Hilfsorganisation "Bridges
to Bagdad" arbeiteten, die sich, wie andere im Irak tätige
Anti-Kriegsorganisationen, ausdrücklich gegen die amerikanische
Besatzung ausspricht.
Die von der Bush-Administration favorisierten Iraker mögen
eine säkulare Einstellung haben, sind moralisch aber
kaum höher einzustufen. Ministerpräsident Ijad Allawi
ist ein ehemaliges Mitglied der Baath-Partei. Er trat Mitte
der 70er Jahre aus. Als Demokrat ist er nicht gerade aufgefallen.
So hat er bereits die von Katar aus sendende Fernseh-Station
Al-Dschasira verboten und das Standrecht in Teilen wieder
eingeführt.
Weder die von vielen amerikanischen Linken bejubelten Widerstandsgruppen,
noch die von den Rechten favorisierten Regierungsparteien
scheinen die Ansichten und Wünsche der Mehrheit der irakischen
Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen. Diese hoffen darauf,
dass Gruppen das Sagen bekommen, die weder von Saddams untergegangenem
Regime, noch von der sich zunehmend diktatorisch gebenden
Allawi-Regierung abhängig sind. Dafür bieten sich
gemäßigte schiitische Gruppierungen und säkulare
Linke an, deren Führung die Iraker zutrauen, dass sie
ihnen zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu politischer Beteiligung
verhelfen.
Leider scheint sowohl die amerikanische Linke als auch die
Rechte das irakische Volk völlig aus dem Auge verloren
zu haben. Die Iraker müssen als das gesehen werden, was
sie sind, nicht als Bauern im Spiel bestimmter Parteistrategen.
Solchen Chauvinismus erwartet man vielleicht vom rechten Flügel
der "America-First"-Leute. Für fortschrittliche
Denker mit Gewissen ist eine solche Haltung aber nicht annehmbar.
Wenn man bedenkt, wie hoch kompliziert und widersprüchlich
die politische Lage im Irak ist, kann es nicht verwundern,
dass viele amerikanische Linke sich statt dessen auf einfache,
bequeme Losungen zurück ziehen.
Internationales Treffen
kommunistischer und Arbeiterparteien
Athen, 8. bis 10. Oktober 2004
Rede des Vertreters der Irakischen
Kommunistischen Partei
Liebe Genossinnen und Genossen,
ich überbringe euch die herzlichsten Grüße
der Irakischen Kommunistischen Partei und ihre besten Wünsche
für einen Erfolg dieses Internationalen Treffens kommunistischer
und Arbeiterparteien. Wie meine Vorredner möchte auch
ich den Genossen unserer Bruderpartei, der Kommunistischen
Partei Griechenlands, dafür danken, dass sie zu dieser
wichtigen Zusammenkunft eingeladen haben und seit langem bemüht
sind, dieses Forum eines offenen und freien Meinungsaustauschs
über dringende Fragen und Herausforderungen, mit denen
sich Kommunisten überall in der Welt konfrontiert sehen,
aufrecht zu erhalten. Wir meinen, dass Seminare und Workshops,
wo spezifische Fragen tiefer analysiert und debattiert sowie
gemeinsame politische Initiativen auf regionaler und internationaler
Ebene entwickelt werden, solche Treffen ergänzen könnten.
Bei dieser Gelegenheit wollen wir der Kommunistischen Partei
Griechenlands und weiteren Bruderparteien unsere große
Dankbarkeit für ihre Jahrzehnte lange internationalistische
Unterstützung und Solidarität gegen Diktatur und
faschistische Terrorkampagnen, gegen Massenexekutionen und
die physische Liquidierung irakischer Kommunisten und Demokraten
vor allem unter Saddams Diktatur zum Ausdruck bringen. Da
wir heute unseren Kampf für ein Ende der amerikanisch-britischen
Besatzung. für die Herstellung der nationalen Souveränität
und Unabhängigkeit sowie für den Aufbau eines demokratischen
Iraks unter äußerst schwierigen und komplizierten
Bedingungen fortsetzen, brauchen wir weiterhin eure Unterstützung
und Solidarität. Die irakischen Kommunisten wissen aus
eigener bitterer Erfahrung nur zu gut, wer ihre wahren, erprobten
Freunde sind: Es sind jene, die ihre Werte und ihr Streben
nach Freiheit, Demokratie, Menschenrechten, Frieden und Sozialismus
teilen.
Die internationale Solidarität mit dem irakischen Volk
und seinen demokratischen Kräften, darunter die Irakische
Kommunistische Partei, steht vor neuen Herausforderungen und
ist in diesen schweren Zeiten von besonders großer Bedeutung.
In den progressiven Kräften und den breiten Massenbewegungen
gegen Krieg und Kriegspolitik sehen wir unsere Verbündeten
im Kampf für ein rasches Ende der Besatzung, aber auch
für die Durchsetzung von Demokratie und Frieden in unserem
Lande. Denn nur ein wahrhaft demokratisches Regime, das den
freien Willen des Volkes zum Ausdruck bringt, kann sich dem
Imperialismus und dessen aggressiver Vorherrschafts- und Hegemonialpolitik
wirksam widersetzen.
Liebe Genossinnen und Genossen,
seit dem Krieg und der Besetzung des Irak sind eineinhalb
Jahre vergangen. Unser Land hat in dieser Zeit gewaltige Umwälzungen
erlebt. Es ist eine völlig neue Situation entstanden.
Sie ist außerordentlich kompliziert und birgt sowohl
enorme Gefahren als auch die reale Chance, das Land aus diesem
scheinbar endlosen Albtraum zu der Unabhängigkeit und
der demokratischen Alternative zu führen, die unser Volk
ersehnt.
Lange vor dem Krieg waren wir sicher, dass es für unser
Land und unser Volk nur dann einen Ausweg aus der umfassenden
Krise, ein Ende der Katastrophen und Tragödien, die Hoffnung
auf Wiederaufbau gibt, wenn eine innere Veränderung erreicht
und Saddams diktatorisches Regime beseitigt wird.
Aber unsere Partei lehnte den Krieg ab, weil wir es als die
schlechteste Alternative ansahen, wenn es der US-Administration
gelingen sollte, ihre tatsächlichen Ziele - die Ausdehnung
und Festigung ihrer Hegemonie mit Hilfe der Doktrin des Präventivschlages
als Teil ihrer Strategie - zu verschleiern und die Ereignisse
des 11. September zum Vorwand zu nehmen, um einen endlosen
"Krieg gegen den Terror" zu entfalten.
Als sich die irakischen Kommunisten in die weltweite Antikriegsfront
einreihten, wiesen sie stets darauf hin, dass man zwischen
dem irakischen Volk und dem Saddam-Regime unterscheiden muss.
Sie warnten vor einseitigen Positionen, die die Verantwortung
des Regimes für die Gefahren und Tragödien ignorierten,
denen unser Volk ausgesetzt war. Wir forderten Klarheit in
den Positionen und Losungen, Druck auf das Diktatur-Regime,
um durch einen verantwortungsvollen Umgang mit dessen internationalen
Verpflichtungen, durch die Einbeziehung des Volkes und das
Erreichen demokratischer Freiheiten den Krieg zu verhindern.
Als der Krieg immer wahrscheinlicher wurde, weil Saddam das
Schicksal des Volkes und des Landes grob missachtete und weil
die US-Administration stur an ihrem Kurs fest hielt, rief
unsere Partei die demokratischen und progressiven Kräfte
sowie die Friedensbewegung auf, die Alternative zu unterstützen,
die uns als die Günstigste erschien: Wir wollten eine
national-demokratische, patriotische Alternative, die sich
auf den Kampf des irakischen Volkes und seiner Streitkräfte
sowie auf die Einheit der patriotischen Opposition und auf
legitime internationale Hilfe stützte. Mit einem solchen
Vorgehen, flankiert durch Druck auf den Diktator, um ihn zum
Rücktritt zu zwingen, hätte der Krieg mit all seinen
tragischen Folgen verhindert werden können.
Das Ergebnis des Krieges, der rasche Zusammenbruch der Militärmacht
Saddams, ja sogar des gesamten irakischen Staates, haben demonstriert,
wie bankrott die Diktatur und wie haltlos ihre Ansprüche
bereits waren. Zugleich zeigte sich darin das überwältigende
Streben unseres Volkes, das Regime los zu werden. Es ist ohne
Beispiel und von enormer Bedeutung für Irak und die Region,
dass das Volk sich dafür entschied, sich zurückzuhalten
und dem Kampf zuzusehen, der zwischen einer allzu bekannten
imperialistischen Macht und einem tief verhassten Regime tobte.
Als die Diktatur am 9. April 2003 schließlich zusammenbrach,
zeigte sich die ganze Kompliziertheit und Widersprüchlichkeit
der neuen Situation. Eine brutale Diktatur war verschwunden,
aber ein Besatzungsregime an ihre Stelle getreten.
Liebe Genossinnen und Genossen,
die überwältigende Mehrheit unseres Volkes jubelte,
als das Regime so schändlich zusammenbrach. Aber zu der
ersehnten demokratischen Alternative kam es nicht. In den
Bereichen von Politik und Sicherheit entstand ein gefährliches
Vakuum, dessen schwerwiegende politische, wirtschaftliche
und soziale Folgen wir heute noch spüren. Diese Situation
in den Griff zu bekommen, hatte und hat für uns höchste
Priorität.
Hier muss darauf hingewiesen werden, dass unser Volk die
Besatzungstruppen trotz seiner Freude über den Sturz
des Saddam Regimes nicht, wie manche erwartet haben, mit offenen
Armen und Blumen empfing.
Die Entwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre hat gezeigt,
dass unsere Partei Recht hatte, als sie sich gegen Krieg,
Invasion und Okkupation wandte.
Seit dem 9. April 2003 steht unser Land vor einem ganzen
Berg dringender und eng miteinander verknüpfter Aufgaben,
die alle darauf hinauslaufen, die Voraussetzungen dafür
zu schaffen, dass die Besatzung beendet wird und das Land
den Weg einer nationalen und demokratischen Entwicklung einschlagen
kann.
In dieser schweren Zeit großer Herausforderungen hat
unsere Partei einen wesentlichen Beitrag zu den Bemühungen
geleistet, eine breite nationale Einheit gegen die Besatzung
zu schmieden, alle Manöver und Verschwörungen nach
der Devise "Teile und herrsche" zu vereiteln. Zugleich
war sie bemüht, eine demokratische Bewegung von unabhängigen
Gewerkschaften, Frauen-, Studenten- und Menschenrechtsorganisationen
wieder aufzubauen. Gegenwärtig bereiten wir für
Ende Januar 2005 Wahlen vor. Sie sind Teil der ersten Phase
der Übergangsperiode. Wir haben bedeutende Fortschritte
erreicht, aber die Schwierigkeiten sind immer noch riesig.
In dieser Zeit ist auch die Irakische Kommunistische Partei,
die in den Jahrzehnten faschistischer Herrschaft tausende
Mitglieder und Anhänger verloren hat, als wichtiger politischer
Faktor, als die best organisierte demokratische Kraft im Lande
wiedererstanden. Überall im Irak sind ihre Organisationen
heute aktiv. In Provinzen und Bezirken haben wir über
85 Parteibüros eröffnet. Aber uns steht noch schwere
Arbeit bevor, um Mängel zu überwinden, das Niveau
unserer Kader zu erhöhen, politisches Bewusstsein im
Volke zu verbreiten und nicht nur gegen die Besatzer, sondern
auch für grundlegende humanitäre, demokratische
und soziale Rechte zu kämpfen. Wichtige Schlachten sind
bereits geschlagen und gewonnen worden. So haben wir verhindert,
dass das Gesetz über die Grundrechte der Frauen abgeschafft
wurde. Diese Bemühungen werden mit dem nationalen Kampf
gegen die Besatzung, für Souveränität und Unabhängigkeit
fortgesetzt. Daher ist es von grundsätzlicher Bedeutung,
den engen Zusammenhang zwischen der nationalen und der demokratischen
Ebene des gegenwärtigen Kampfes im Irak zu verstehen.
Mit einer einseitigen Betrachtungsweise kann man die komplizierte
Lage nicht erfassen und nicht erkennen, welche konkrete Unterstützung
die progressiven, demokratischen Kräfte innerhalb des
Irak heute brauchen.
Unsere größte Schwierigkeit besteht darin, dass
wir sowohl mit dem Erbe der Diktatur als auch mit dem der
Besatzung konfrontiert sind: drei katastrophale Kriege, zwölf
Jahre von den USA aufgezwungener internationaler Sanktionen,
die das soziale Gewebe der Gesellschaft zersetzt haben, keine
demokratischen Traditionen und kein normales politisches Leben.
Die Folgen von Krieg und Invasion, der Zusammenbruch des irakischen
Staates und das daraus resultierende Machtvakuum, die Politik
der Besatzungsbehörden und das brutale Vorgehen ihrer
140.000 Mann starken Truppen haben die Lage weiter verschärft.
Dazu kommt der Skandal eines "Wiederaufbaus", für
den die Besatzungsbehörde allein im ersten Jahr über
acht Milliarden Dollar irakischer Finanzmittel ausgegeben
hat.
Dass der UN-Sicherheitsrat die Besatzung mit seiner Resolution
1484 vom Mai 2004 völkerrechtlich legitimierte, statt
die Macht an eine breite Koalitionsregierung des Irak zu übergeben,
wie alle politischen Kräfte des Landes, darunter unsere
Partei, forderten, hat zusätzliche Hindernisse geschaffen.
Die Einsetzung des Regierungsrates, an dem alle bedeutenden
politischen Parteien beteiligt sind, mit begrenzten, aber
wichtigen Vollmachten war daher ein Kompromiss, der durch
aktive Vermittlung der UNO zustande kam.
Unsere Partei hat hervorgehoben, dass der Regierungsrat nur
eine Arena und nur eine Tribüne unter anderen ist, wo
wir den Kampf für nationale Souveränität und
Unabhängigkeit führen. Wir haben stets darauf hingewiesen,
dass es gilt, unsere Tätigkeit im Rat und in der gegenwärtigen
Interimsregierung mit der Arbeit unter den Massen zu verbinden.
Zugleich waren wir immer bestrebt, mit allen Kräften
Beziehungen zu entwickeln und zu stärken, die den Übergang
bewerkstelligen wollen, um die Besatzung zu beenden und einen
einigen, föderalen und demokratischen Irak aufzubauen.
Liebe Genossinnen und Genossen,
Widerstand gegen Besatzung ist ein in der Charta der Vereinten
Nationen verbrieftes Recht. Das irakische Volk hat also das
legitime Recht auf verschiedene Formen des Kampfes, um die
Besatzung zu beenden und die nationale Souveränität
wieder zu erlangen. Widerstand gegen die Besatzung ist aber
nicht auf Gewalt beschränkt, sondern schließt politischen
Kampf in verschiedenen Formen ein. Die Geschichte lehrt uns,
dass ein Volk nur dann zu den Waffen greift, wenn es dazu
gezwungen wird, weil alle politischen Mittel ausgeschöpft
sind.
Bewaffnete Aktionen obskurer Gruppen, ob es sich nun um islamische
Extremisten oder Anhänger Saddams handelt, können
dem Ziel, die Okkupation so bald wie möglich zu beenden,
nur schaden. Sie liefern den Besatzungstruppen den Vorwand,
länger im Lande zu bleiben. Das Volk muss weiterhin in
Spannung, Elend und Furcht leben. Terrorakte, die sich gegen
unschuldige Zivilisten richten - Autobomben, die Entführung
und Tötung von Geiseln, Sabotageakte gegen Einrichtungen
der Infrastruktur wie Kraftwerke oder Ölleitungen bürden
dem Volk nur noch größere Leiden auf und stürzen
es in noch tiefere Verzweiflung. Derartige Akte haben bereits
Tausende Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung
gefordert. Das irakische Volk hat sie scharf verurteilt.
Dabei spielt auch ein Element des Patriotismus mit: Ausschreitungen
und brutale Gewaltakte der Okkupationstruppen gegen das Volk
rufen Gegengewalt hervor. In vielen Fällen ist es zu
spontanem Waffengebrauch gegen die Besatzer gekommen. Gruppen
und Kräfte die derartige Aktionen durchführen, sind
daher differenziert zu sehen.
In den letzten Monaten haben die amerikanischen Besatzungstruppen
bei mehreren Gelegenheiten Unterdrückungsaktionen durchgeführt,
die unsere Partei scharf verurteilt hat, so z. B. die übermäßige
Gewaltanwendung und Kollektivbestrafung vom April in Faludscha.
Die Leid Tragenden derartiger Konfrontationen sind unschuldige
Zivilisten. In dem genannten Falle gab es über 600 Tote,
darunter Frauen und Kinder. Eine ähnliche Situation entwickelte
sich auch in Nadschaf. Hier schafften politische Friedensinitiativen
Abhilfe, die weithin begrüßt wurden.
Liebe Genossinnen und Genossen,
für die sich verschlechternde Sicherheitslage sind vor
allem Anhänger des alten Regimes und volksfeindliche
terroristische Kräfte verschiedenster Couleur verantwortlich.
Saddams faschistischer Sicherheitsdienst ist voll intakt geblieben.
Diese Elemente wollen sich nun durch subversive, verbrecherische
Aktionen als Machtfaktor in der politischen Szene etablieren.
Hier sei erwähnt, das einige Kräfte in der US-Administration
mit diesen Kräften ins Geschäft kommen und sie beschwichtigen
wollen, um einen Ausweg aus der aktuellen komplizierten Situation
zu finden.
Um die Sicherheitslage in den Griff zu bekommen, sind dringende
politische, wirtschaftliche und soziale Maßnahmen erforderlich.
Die erste und wichtigste Vorraussetzung besteht darin, die
Macht rasch an das irakische Volk zu übergeben und dieses
in die Lage zu versetzen, nach seinem eigenen Willen durch
freie und gleiche Wahlen über seine politische Zukunft
und sein Gesellschaftssystem zu entscheiden.
Liebe Genossinnen und Genossen,
die Zukunft des Irak, Stabilität und Frieden im Nahen
Osten, ein Scheitern der aggressiven Pläne von Imperialisten
und Zionisten sowie der Sieg der gerechten Sache des palästinensischen
Volkes - all das hängt wesentlich davon ab, wie der gegenwärtige
politische Prozess in unserem Lande ausgeht.
Der Stimme des irakischen Volkes muss Gehör geschenkt
werden. Es fordert die volle Kontrolle über alle inneren
und äußeren Angelegenheiten des irakischen Staates,
über seine Sicherheit, seine militärischen Angelegenheiten,
seine finanziellen und wirtschaftlichen Ressourcen. Es geht
darum, die Souveränität und Unabhängigkeit
unseres Landes vollständig wieder herzustellen, die Besatzung
zu beenden und alle ausländischen Truppen aus dem Irak
abzuziehen. In diesem komplizierten politischen Prozess, der
viele Facetten hat, kommt es auch weiterhin auf die Unterstützung
und Solidarität aller progressiven und friedliebenden
Kräfte in der Welt an, um den legitimen Zielen unseres
Volkes und seiner demokratischen Kräfte zum Durchbruch
zu verhelfen: die Besatzung zu beenden, das Erbe der Diktatur
zu überwinden, einen freien, einigen, demokratischen
und föderalen Irak aufzubauen.
Wir wollen die brüderlichen Bande zu den kommunistischen
und Arbeiterparteien stärken und weiter entwickeln, um
unseren gemeinsamen internationalen Kampf gegen den Imperialismus,
gegen den Ansturm der kapitalistischen Globalisierung, für
Freiheit, Demokratie, sozialen Fortschritt, Frieden und Sozialismus
weiter zu führen.
In September-"DISPUT" beschrieb Rashid Ghewielib
grundlegende Entwicklungsprobleme im Irak nach dem Sturz von
Saddam Hussein. Eine Reihe von Fragen musste, der Länge
des Artikels geschuldet, unbeantwortet bleiben. "DISPUT"
bat den Autor um eine Ergänzung.
Im März 1982 musste ich Bagdad verlassen,
weil ich als Kommunist dort meines Lebens nicht mehr sicher
war. Wie Tausende Genossinnen und Genossen, denen es ähnlich
erging, war auch ich voller Hoffnung, dass ich nach einem
oder höchstens zwei Jahren wieder dorthin zurückkehren
könnte. Niemals hätte ich gedacht, dass mir ein
Exil von mehreren Jahrzehnten bevor steht.
Aber nichts ist ewig in dieser Welt. Saddam Hussein wurde
gestürzt. Am 4. Dezember 2003 war ich wieder in Bagdad
- nach fast 22 Jahren.
Ich erkannte es nicht wieder. Die Stadt, die ich verlassen
und in meinem Gedächtnis bewahrt hatte, war hell und
sauber gewesen. Überall herrschte fröhliches Treiben.
Jetzt wirkte Bagdad auf mich wie eine riesige Ausgrabungsstätte.
Wo noch Häuser standen, lagen Unrat, Müll und Trümmer.
Aber erst als ich mit den Menschen sprach, wurde mir bewusst,
welche schrecklichen Spuren 35 Jahre Diktatur, Krieg, Embargo
und Besatzung bei den meisten hinterlassen haben. Unsicherheit,
Anschläge und Plünderungen seit dem Ende der Diktatur
haben ein Übriges getan.
Vor allem freute ich mich darauf, meine Familie und die wenigen
Freunde wiederzusehen, die noch am Leben waren, denn viele
sind von Saddams Schergen ermordet worden oder in den Kriegen,
die er über unser Volk brachte, gefallen. In der knappen
Zeit, die mir meine politische Arbeit ließ, haben wir
ganze Nächte hindurch miteinander geredet und debattiert.
Ich hörte viele persönliche Geschichten, die mich
tief erschüttert haben.
Solange ich im Ausland war, habe ich den Irak unter Saddam
Hussein stets als großes Gefängnis beschrieben.
Das war richtig. Die meisten Menschen, denen man heute dort
begegnet, fühlen sich, als seien sie gerade aus der Gefangenschaft
befreit. Sie haben sich Jahre lang in ihre Wohnungen zurückgezogen,
sich dort aus eigenem Entschluss isoliert, um so wenig wie
möglich mit den Sicherheitsdiensten des Regimes und den
Baathisten in Berührung zu kommen. Treffen mit Freunden
fanden kaum noch statt, besonders in den Jahren des Embargos,
da jeder damit beschäftigt war, fürs nackte Überleben
zu sorgen.
Mir ist aufgefallen, dass in dieser gesamten Zeit keine neuen
Freundschaften geschlossen wurden. Die meisten haben mit ihren
alten Erinnerungen gelebt. In der Gesellschaft, ja selbst
in den Familien gibt es heute kaum noch Vertrauen. Wenn ich
frage, warum das so ist, kommt immer die gleiche Antwort:
"Du hast die Diktatur, den Krieg und das Embargo nicht
erlebt." Diese drei Dinge haben in der Gesellschaft und
in den Menschen Schlimmes angerichtet. Das betrifft das Verhältnis
zum Staat, der für die Mehrheit immer noch die Diktatur
ist. Es beeinflusst die Einstellung zur Arbeit - warum soll
man ordentlich arbeiten, wenn das Ergebnis von der Regierung
missbraucht werden kann?
Die meisten wollen Frieden für eine politische Lösung
Am meisten leiden im Irak von heute die Frauen. Hatten sie
schon unter dem Vormarsch der Religion und den konservativen
Verhältnissen viel zu ertragen, die sich in den letzten
zwanzig Jahren in der Gesellschaft ausgebreitet haben, so
versuchen heute die Islamisten, diese Entwicklung verstärkt
voran zu treiben.
Gegenwärtig quält mich insbesondere die Frage, wie
man im Irak unter ausländischer Besatzung, unter Gewalt
und Terror an den Aufbau einer neuen Gesellschaft gehen kann.
Die Mehrzahl der Irakerinnen und Iraker ist gegen die Besatzung.
Sie wollen einen neuen Anfang machen. Deshalb sind sie für
Frieden und eine politische Lösung der Probleme. Die
irakische Gesellschaft war immer eine Gemeinschaft vieler
Kulturen. Seit Tausenden von Jahren haben sie dort zusammen
gelebt. In der modernen Geschichte des Landes haben Kommunisten
und Demokraten eine wesentliche Rolle gespielt. Saddam Hussein
hat sehr viel von alledem vernichtet, aber es ist ihm nicht
gelungen, den Kern der Gesellschaft zu zerstören.
Bei vielen Gelegenheiten vor dem Krieg und während des
Krieges bin ich gefragt worden, ob die Irakische Kommunistische
Partei im neuen Irak eine aktive Rolle spielen wird. Zweifler
wiesen auf Faktoren hin wie den Zusammenbruch des sozialistischen
Systems, die Schwäche der Linken in den arabischen Ländern,
den starken Einfluss der Islamisten in der Region und nicht
zuletzt auf den brutalen Terror des Regimes gegen unsere Partei.
In der irakischen Gesellschaft, die stark von religiösen
und nationalen Vorstellungen geprägt ist, haben es religionsgebundene
Parteien ohnehin leichter, an die Leute heranzukommen, als
Parteien wie unsere, der nur das politische Argument zur Verfügung
steht. Ohne den Einfluss all dieser Faktoren zu ignorieren,
war ich sicher, dass die IKP im neuen Irak eine politische
Hauptkraft sein wird, weil sie aus seiner jüngeren Geschichte
nicht mehr wegzudenken ist.
Hundert Büros in Städten
und Bezirken
Die Irakische Kommunistische Partei wurde 1934 gegründet.
Sie hat im Kampf um die Unabhängigkeit und den Aufbau
des modernen Irak eine wichtige Rolle gespielt. Als die Diktatur
Saddam Husseins zusammenbrach, konnte unsere Partei sofort
mit politischen Aktionen beginnen, denn wir hatten immer Organisationen
im gesamten Land. Inzwischen funktionieren über 100 Büros
in Städten und Großstadtbezirken. Die IKP ist die
einzige der großen politischen Parteien, die die gesamte
Struktur der irakischen Gesellschaft erfasst. Ihre Mitglieder
kommen aus allen Klassen und Schichten, aus allen Nationalitäten,
Religionsgruppen und Regionen des Landes. Die Organisationen
der IKP sind nach dem Prinzip des Wohn- oder Arbeitsortes
aufgebaut. Sie wachsen ständig. Die Partei hat großen
Einfluss in den Gewerkschaften, unter den Kulturschaffenden
und in den Organisationen der Zivilgesellschaft. Wegen ihrer
Standhaftigkeit und der großen Opfer während der
Saddam-Diktatur genießen unsere Genossinnen und Genossen
große Achtung bei ihren Mitmenschen. Viele betagte Mitglieder
sind heute wieder in der Partei aktiv und kümmern sich
um den Nachwuchs.
Die positiven Seiten unserer Arbeit können allerdings
nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir wie alle
politischen Parteien im Irak gegen die Erfahrungen ankämpfen
müssen, die die Menschen mit der Baath-Partei gemacht
haben. Viele verbinden mit politischer Tätigkeit und
Aktivitäten von Parteien nur negative Eindrücke.
Die irakische Gesellschaft war fast 25 Jahre lang von der
Entwicklung in der Welt isoliert. In Bildung und Kultur ist
ein enormer Rückstand entstanden. Millionen Menschen
können nicht lesen und schreiben.
In der Partei selbst ist viel zu tun, um die Generationen
zusammenzubringen. Es gilt, die Unterschiede im Denken und
Fühlen zwischen den Genossinnen und Genossen, die 25
Jahre lang gegen ihren Willen von der Partei getrennt waren,
und denen, die im irakischen Kurdengebiet und im Ausland die
Erneuerung in der Partei erlebt haben, zu überwinden.
Ein nicht zu unterschätzendes Problem sind die äußerst
knappen Finanzen. Die IKP erhält keinerlei Hilfe aus
dem Ausland und ist allein auf eigene Anstrengungen angewiesen.
In meinem Beitrag für "DISPUT" 09/2004 habe
ich zu erklären versucht, warum die Partei in den Provisorischen
Regierungsrat gegangen ist. Die gleichen Gründe gelten
auch für unsere Beteiligung an der jetzigen Regierung.
Dort unterstützen wir richtige Entscheidungen und sparen
nicht mit Kritik an Beschlüssen, die wir für falsch
halten. Unser Parteivorsitzender, Genosse Hamid Majid Mousa,
ist soeben zum Stellvertreter des irakischen Parlamentspräsidenten
gewählt worden. In der Regierung stellt die Irakische
KP den Kulturminister und jeweils einen Stellvertreter des
Außen- und des Landwirtschaftsministers. Im Regierungsapparat
sind eine ganze Reihe weiterer Genossinnen und Genossen tätig.
Umfrage unter irakischen Kulturschaffenden
Diktatur, Krieg und Embargo haben auch im kulturellen Leben
des Irak schwere Verwüstungen hinterlassen. Es sind enorme
Anstrengungen nötig, um Rassismus und Gewalt in der Gesellschaft
zu überwinden, um Solidarität, Toleranz und Vertrauen
an ihre Stelle zu setzen. Der kommunistische Kulturminister
hat seine Arbeit mit einer Umfrage unter den irakischen Kulturschaffenden
im In- und Ausland begonnen. Er hat sie aufgefordert, ihre
Vorschläge und Ideen einzubringen, wie man für die
Kulturpolitik eine neue Grundlage schaffen und einen neuen
Anfang machen kann. Zu diesem Zweck hat das Ministerium zahlreiche
Menschen aus Kultur und Kunst, die unter Saddam Hussein gelitten
haben, zu Veranstaltungen nach Bagdad eingeladen. Es gibt
ungeheuer viel zu tun, um Museen, Theater und Kulturdenkmäler
in Stand zu setzen. Ein harter Kampf muss geführt werden,
um Kunstwerke und historische Kultgegenstände von unschätzbarem
Wert, die bei den Plünderungen ins Ausland gebracht wurden,
aufzuspüren und in den Irak zurückzuholen.
Es ist ein wichtiges Anliegen des Ministers, die Besatzungstruppen
von den historischen Stätten in Babylon und anderen Teilen
des Landes fern zuhalten. Das sind schwierige, aber lohnende
und brennend notwendige Aufgaben. Für all das brauchen
wir Verständnis und Solidarität.
Rashid Ghewielib ist Vertreter der Irakischen KP in Deutschland