30. November 2002 - Wieder tausende Münchner
gegen Nazis aktiv Wie
am 12. Oktober waren auch jetzt wieder Tausende Antifaschisten
in der Münchner Innenstadt, um einen erneuten Versuch
einer Nazidemo gegen die (gerade sehr erfolgreich beendete)
Wehrmachtsausstellung zu verhindern.
Ein breites Bündnis von Kommunisten bis zur Vereinigung
der geistlichen Schwestern in der Erzdiozöse München-Freising
hatte aufgerufen, den Nazis die Rote Karte zu zeigen. Nach
der Erfahrung vom letzten Monat hatten sich ohnehin nur noch
knapp Hundert Nazigestalten nach München getraut, die
dann, geschützt von über 1500 martialisch ausgestatteten
Polizisten, in einer Art Spießrutenlauf gegen die demonstrierenden
Münchner von der Theresienwiese zum Goetheplatz geleitet
wurden. Ihren Plan, die lange Route vom Hauptbahnhof aus zu
marschieren, hatten die Nazis bereits tags zuvor aufgeben
müssen. Viele Münchnerinnen und Münchner beim
Weihnachtseinkauf schüttelten die Köpfe über
die absurde Situation, dass eine regelrechte Polizeiarmee
mit ihren Absperrungen einem verlorenen Häuflein von
wenigen Dutzend Nazis eine Bresche durch tausende Münchner
Demokraten schlug, damit sie eine durch die Proteste unhörbare
Kundgebung für Faschismus durchzuführen konnten,
bevor sie wieder wegtransportiert wurden. "Bildung für
alle - auch für euch!" - diese den Nazis tausendfach
entgegengerufene Forderung wird ihnen hoffentlich nicht nur
lange in den Ohren klingen, sondern den einen oder die andere
auch zum Nachdenken bringen. Die Münchnerinnen und Münchner
machten jedenfalls an diesem Tag wieder klar, dass die Nazis
hier unerwünscht sind und nur geschützt durch tausende
von Polizisten die Chance haben, auch nur wenige hundert Meter
für Menschenverachtung zu demonstrieren. Der Skandal,
dass die Polizei diesen Wahnsinn erst ermöglicht, wird
gerade viele diesmal erstmals Demonstrierende zu wichtigen
Fragen angeregt haben.
Die DKP übrigens war trotz ihres gleichzeitig stattfindenden
Parteitags aktiv vertreten und verteilte fast 2000 Exemplare
einer "linksblick"-Extraausgabe "Behörden,
Justizorgane und Polizei begünstigen den Neofaschismus"
von Claus Schreer.
Jürgen Köster
"Es ist legal* und legitim, sich den Feinden
der Demokratie entgegenzustellen"
Martin
Löwenberg
*
"Schriftlich, mündlich oder anderweitig betriebene
Propaganda oder Agitation, die darauf hinausgeht, militärischen
und nationalsozialistischen Geist oder derartige Einrichtungen
zu erhalten, wieder ins Leben zu rufen oder zu fördern
oder die Verherrlichung des Krieges zum Gegenstand hat, ist
verboten."
Allierte Kontrollbehörde - Kontrollrat
Gesetz
Nr. 8 vom 30. November 1945 Artikel
VII
Volle
Windel zerplatzte auf Nazi-Kahlköpfen
Letzten
Samstag war es mal wieder soweit. Anlässlich der Eröffnung
der überarbeiteten Wehrmachtsausstellung in München
versuchten etwa 800 Neonazis die geschichtliche Wahrheit zu
verleugnen.
Ein
breites Bündnis, getragen von über 70 Organisationen,
rief zu Gegenveranstaltungen auf. Münchens Bürger
hatten bereits vor fünf Jahren die Erfahrung gemacht,
dass Mut und Entschlossenheit die braune Pest erfolgreich
stoppen kann. 6,4 Kilometer wollten die Nazis diesmal durch
München marschieren. Nach rund 400 Metern war Schluss.
Begonnen
hatte der Tag mit einer Veranstaltung auf dem Marienplatz,
auf der Peter Gingold betonte, dass die vielen Jugendlichen
keine Verantwortung für die Verbrechen des Hitlerfaschismus
tragen, wohl aber für das, was heute geschieht. Er zitierte
sogar den ehemaligen CDU-Minister Blüm, der darauf hinwies,
dass die Wehrmacht eine wesentliche Stütze des Nazireichs
war: "Solange die Wehrmacht stand, standen auch die Vernichtungslager
in den eroberten Ländern."
Bis
zuletzt war unklar welche Route der Nazi-Aufmarsch tatsächlich
nehmen wird. Die Polizei hatte vorsorglich drei Alternativen
vorbereitet und wollte nach Lage der Gegenwehr entscheiden.
Mehrere tausend Menschen folgten dem Aufruf, das Gewerkschaftshaus
zu schützen, wo sie von starken Polizeikräften festgesetzt
wurden. Dennoch gelang es sehr vielen Antifaschisten sich
schnell den Rechten in den Weg zu stellen. Unter Polizeischutz
führten die Nazis dann eine "Kundgebung" durch,
die allerdings in den eigenen Reihen eher zum Verlassen anregte.
Ob das am lautstarken Protest des demokratischen Teils Münchens
oder dem grottenschlechten "Gitarren-Barden Michael"
lag, bleibt offen. Vielleicht vermissten die Nazis bei dem
andauernden Nieselregen auch ihre Springerstiefel, die sie
bereits zu Beginn ausziehen mussten. Auch die prall gefüllte
Windel, die aus einem Fenster flog und inmitten der Neonazis
zerplatzte, dürfte für Unwohlsein gesorgt haben.
Die ganze Zeit über wurden die Glatzen in kleinen Gruppen
von der Polizei gut bewacht zu den Verkehrsmitteln eskortiert.
Die
Stimmung auf Seiten der etwa 5 000 Gegendemonstranten war
hingegen ausgezeichnet. Der Aufruf, sich den Nazis in den
Weg zu stellen, wo immer sie marschieren, wurde erfolgreich
umgesetzt. Ein Erfolg auch, dass sich ein breites Bündnis
von Links bis ins konservative Lager nicht auf einen bestimmten
Ort festlegen ließ, sondern quasi die ganze Stadt zum
Operationsgebiet machte. Dass zu den Mitunterzeichnern des
Aufrufs neben den Linken auch Bürgermeister und sogar
CSU-dominierte Bezirksausschüsse Münchens gehörten,
trug erheblich zum relativ moderaten Verhalten der Polizei
bei. Das zeigt, dass linke, antifaschistische Aktionseinheit
mit ihrem beständigen Druck über einen langen Zeitraum
die herrschende Politik in ihrem Verhalten zu ändern
vermag.
Dennoch
wurde ein Student durch das massive Drängeln der Polizei
zu Boden gedrückt und schwer verletzt. Sein Fuß
hatte sich in einem der Absperrgitter verfangen und wurde
fast abgerissen. Makaber, dass die Beamten sogar dem Polizei-Sani
minutenlang das Durchkommen zum Verletzten verwehrten. Im
Krankenhaus war eine sofortige Operation nötig. Der Grünen-Stadtrat
Siegfried Benker forderte noch vor Ort eine lückenlose
Aufklärung des Vorfalls.