Rede Peter Gingold
Antifaschistischer Widerstandskämpfer und Bundessprecher
der VVN/BdA
Peter Gingold
Antifaschistischer Widerstandskämpfer, Bundessprecher
der VVN/BdA
In der letzten Zeit werde ich öfters gefragt, was überlebende
Opfer des Naziregimes, des Widerstandes und des Holocaust,
zu denen ich gehöre, empfinden, welche Gefühle ich
habe angesichts der erschreckenden Welle von rassistischer
Gewalt, Antisemitismus und Neofaschismus. Da sage ich: Überlebt
haben wir mit der einzigen Aufgabe: Nie wieder Faschismus,
nie wieder Krieg! Niemand unter uns hätte sich 1945 es
vorstellen können, nicht einmal der schlimmste Pessimist.
Nach dem, was hinter uns lag, unter unermeßlichen Opfern
der Völker der Nazifaschismus zerschmettert, wir knapp
und nur mit viel Glück der Nazihölle entronnen,
undenkbar, daß jemals wieder aufkommen kann, was zum
schändlichsten, blutigsten, entsetzlichsten Abschnitt
deutscher Geschichte führte.
Für uns wäre es eine Sache der hoffnungslosen Verzweiflung,
würden wir nicht immer wieder Gegenaktionen, wie hier
diese heute, erleben. Meist Menschen der jungen Generation,
die diese grauenhafte Vergangenheit nicht vergessen, nicht
so leben wollen, als hätte es kein Auschwitz gegeben.
Die keiner Aufforderung bedürfen, Zivilcourage gegen
die Neofaschisten zu zeigen, das tun sie seit eh und je, vor
allem, wenn es darum geht, die vom Staat geschützte Zusammenrottung
von Neofaschisten zu verhindern. Dafür als Linksextremisten
diffamiert, oft von der Polizei geprügelt, weggeräumt.
Ganz überwältigt bin ich, wie viele Organisationen,
Personen zu dieser heutigen Demonstration und Kundgebung gegen
Naziterror, Rassismus und Antisemitismus aufgerufen haben.
All das gibt uns doch viel Hoffnung. Darum seid herzlich gegrüßt!
Seit Jahren, seit Jahrzehnten, voran die VVN, warnen, alarmieren,
wie einsame Rufer in der Wüste, vor dem nun Politiker
und Medien aufgeschreckt sind, als käme es plötzlich
aus heiterem Himmel?!
Nun, harte Maßnahmen, sofort Null-Toleranz, Zivilcourage,
Gesicht zeigen ist gefordert. Ich träume, sogar von Beckstein
und Stoiber wird NPD-Verbot gefordert! Aber ich wette Tausend
zu Eins: Wäre das nicht in Düsseldorf passiert,
hätte die Handgranate nicht gerade jüdische Menschen
getroffen, noch dazu in einer Metropole in Westdeutschland,
wo große ausländische Unternehmen ihren Sitz haben,
wäre es nur in Ostdeutschland passiert, wo
angeblich aus 40 Jahren verordneter Antifaschismus der Rechtsextremismus
hervorsprießt, wäre Rechtsextremismus noch heute
nicht zum öffentlichen Thema geworden.
Das ist das Problem, nicht die rassistischen Gewalttäter,
die Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!
völkisch rülpsenden, grölenden, glatzköpfigen
Brüllaffen in Springerstiefeln. Die wird es solange geben,
solange der Schoß fruchtbar noch ist, aus dem das kroch.
Solange gesellschaftliche Verhältnisse bestehen, die
sie immer wieder hervorbringen. Die machen mir weniger Angst
und Bange, viel mehr die ohne Springerstiefel, ohne ausgestreckten
Arm und Reichskriegsflagge, die mit Schlips, aus der Mitte
der Gesellschaft, das Klima schaffen, in dem sich der Rechtsextremismus
ganz wohlfühlen kann. Ausländer raus
ist längst Regierungspolitik, wenn ich an die Asyldebatte
denke, das Benzin für die Brandsätze auf die Asylheime!
Die erbarmungslose Abschiebepraxis. Stichworte: Überbelastung
durch Flüchtlinge, volles Boot, Ausländerkriminalität,
Ausländer, die uns nützen und die uns ausnützen.
Und auch wie man mit Ausländerhaßkampagnen Ministerpräsident
werden kann, so in Hessen, wo ich herkomme.
Der schändliche, entwürdigende Umgang mit ehemaligen
Zwangsarbeitern, 10 Jahre Holocaustdenkmal-Diskussion, Martin
Walser, der nichts mehr von Auschwitz hören will, darauf
stehende Ovationen der höchsten Würdenträger
der Bundesrepublik.
Da haben die Neonazis mit rassistischer Gewalt nur das exekutiert,
was ihnen an solchen Vorlagen geliefert wird.
Wenn wir heute hier demonstrieren gegen Naziterror, Rassismus,
dann, um den Rechtsextremismus zu bekämpfen, da, wo er
wirklich herkommt! Für eine Politik, die wirklich Neofaschismus
und Rassismus bekämpft! Die ihm keine Nahrung gibt, die
seine Wurzeln beseitigt! Die Antifaschismus unterstützt
und fördert, ihn nicht behindert und diffamiert! Die
Demokratie stärkt und ausbaut, sie nicht einschränkt!
Die nicht zuläßt, daß Nazigegner mit Neonazis
und Rechtsextremisten gleichgesetzt werden. Jede Gleichsetzung
von links und rechts verharmlost die rechte Gewalt, begünstigt
den Neonazismus, schwächt den Widerstand!
Eine Politik, die den Neonazis keine Betätigungsfreiheit
gibt, das Faschismusverbot achtet, den Artikel 139 im Grundgesetz,
auf das sie doch alle vereidigt sind, die Minister, die Justiz,
die Polizei! Nach Artikel 139 sind alle neofaschistischen
Parteien zu verbieten. NPD, DVU und REP. Faschismusverbot
für alle Organisationen und Publikationen. Faschismus
ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen! Faschismus ist
illegal.
Wir müssen in den Köpfen der jungen Menschen unausrottbar
einpflanzen, wohin Rassismus in der deutschen Geschichte führte,
worauf der Deutsche zu lernen hatte, sogenannt rassisch Anderwertige,
Lebensunwerte zu quälen, foltern, versklaven, töten,
morden, sich verbrecherisch gegenüber anderen Völkern
zu verhalten als natürliches Vorrecht der Eliterasse.
Worauf dann eine Nation mit ganz normalen Menschen in der
Lage war, 6 Millionen Juden, eine halbe Million Sinti und
Roma, Millionen der slawischen Völker zu ermorden, meist
sogar ohne Haß, ohne Lust einfach gnadenlos auszutilgen
wie Ungeziefer, pflichtgemäß als nationale Aufgabe,
auf daß sie vom Erdboden verschwinden.
In den Köpfen der jungen Menschen vor allem unsere Erfahrung
einzupflanzen, was es kostete, den Faschismus zu verharmlosen,
nicht rechtzeitig zu verhindern, wie es anfing und in einem
Meer von Blut und Tränen endete, wie dann alle hohen
Werte der deutschen Dichter und Philosophen, des Schönen,
Guten, Wahren an Auschwitz zerschellte. Daß meine Elterngeneration
es nicht verhindert haben, dafür gibt es nur eine einzige
Entschuldigung: Sie konnten nicht diese Erfahrung gemacht
haben, was Faschismus bedeutet. Dies gilt nicht mehr für
die heutige und alle zukünftigen Generationen. Heute
haben wir die Erfahrung, heute muß jeder wissen, was
Faschismus bedeutet. Das gehört in die Köpfe der
jungen Menschen als wirksamste Blockade gegen das Eindringen
vergiftenden nazistischen Gedankengutes!
Zuviel an Not und Tod, an KZ-Qualen, an Verwüstung und
Vernichtung, an millionenfachem Mord hat der Faschismus gebracht,
sodaß es nichts Wichtigeres geben kann als Aufstehen
gegen jede Erscheinung von Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit,
Neofaschismus, Militarismus. Die Geschichte gebietet es, diktiert
es.
Es ist das Vermächtnis des antifaschistischen Widerstandes,
der Gefolterten, Erschossenen, Gehängten, Geköpften,
durch Seuchen, Hunger, Spritzen und Gas Ermordeten. Nie wieder
Faschismus, nie wieder Krieg!
Auf daß meine Enkel und Urenkel, Eure Kinder und Kindeskinder
in alle Zukunft sich der Blumen und der Sonne erfreuen können,
ohne in Angst leben zu müssen, jemals vom Faschismus
und Krieg bedroht zu sein.
Rede Martin Löwenberg
Ehem. KZ-Häftling und Zwangsarbeiter, Landessprecher der
VVN/BdA Bayern
Meine Worte der Begrüßung möchte ich verbinden
mit einigen Anmerkungen darüber, was für den Veranstalterkreis
wichtige Anliegen der heutigen Kundgebung sind:
Statt Nie wieder heißt es schon wieder
seit längerer Zeit. Ähnlich wie während der
Nazizeit werden Menschen wegen ihrer Rasse, ihres Glaubens,
ihres Aussehens, ihrer politischen Überzeugung, ihrer
Andersartigkeit, vertrieben, gejagt, zusammengeschlagen und
ermordet. Zahlreiche neonazistische Terrorakte werden seit
Jahren von Politik und Massenmedien entweder unterbelichtet
oder als Taten alkoholisierter Einzeltäter
hingestellt.
Auch in München gibt es bekanntlich schon lange organisierte
rechte Aktivitäten und Gewalt. Erfreulicherweise entwickelte
sich dagegen eine Gegenwehr antinazistischer und antirassistischer
Initiativen und Organisationen, getragen meistens von jüngeren
Menschen. Deren Engagement führte bekanntlich auch zu
einer Reihe punktueller Erfolge. Ich verweise z.B. auf den
1. März 1997, als tausende Münchnerinnen und Münchner
den Naziaufmarsch gegen die Wehrmachtsausstellung stoppten.
Ich erinnere auch an den 8.11.97, wo die NPD-Jugendorganisation
ihre angemeldete Kundgebung vor der SPD-Zentrale am Oberanger,
mit der Ankündigung, dort eine Fahne der JungsozialistInnen
zu verbrennen, nicht durchführen konnten, weil AntifaschistInnen
zu einer Gegendemonstration aufgerufen hatten.
Ich nenne aber auch antinazistische Handlungen, die schließlich
beitrugen zur Schließung des NPD-Büros in der Holzstraße,
sowie des Kommunikationsladens des Neonazis und Auschwitz-Leugners
Althans in der Herzog-Heinrich-Straße. Unterstrichen
werden muß, daß diese antirassistischen und antinazistischen
Aktivitäten häufig von der offiziellen Politik nicht
nur als Störung empfunden, sondern oft sogar diffamiert,
kriminalisiert und mit dem Stempel verfassungsfeindlich
versehen wurden. Ich glaube, ich brauche hier nicht aufzuzählen,
wie oft auch in unserer Stadt mit dem Einsatz von Polizeiknüppeln
Neonazis der Weg freigemacht wurde, den ihnen Demokraten,
Antirassisten und Antinazisten versperrten.
An dieser Stelle möchte ich als Verfolgter und Inhaftierter
des NS-Terrorsystems all jenen danken, die den Neonazis und
Anhängern offensiv und kämpferisch Paroli geboten
haben und bieten, auch mit solchen Aktionsformen wie Behinderung
und Verhinderung ihrer Aufmärsche. Sie ließen sich
dabei von den Grundsätzen leiten: Es gibt kein Recht
auf Nazipropaganda! Und: Keine Demokratie für die Feinde
der Demokratie.
Ein weiteres wichtiges Anliegen des breiten Bündnisses,
welches zur heutigen Kundgebung aufgerufen hat, ist, folgende
Auffassung deutlich zu machen:
Wirksame Bekämpfung von Naziterror, Rassismus und Antisemitismus
erfordert, daß die offizielle Politik nicht länger
den Stichwortgeber für rechte Gewalt machen. Dazu zählen
für mich Kinder statt Inder, was bekanntlich
im Mittelpunkt des CDU-Wahlkampfes in Nordrhein-Westfalen
stand, aber auch die Aussage von Bundesinnenminister Schily,
Das deutsche Boot ist voll, was ja bekanntlich
auch NPD, DVU und Republikaner wie auch CDU/CSU sagen. Und
auch Stoiber, Beckstein und Co. schüren in Bayern Fremdenangst
und Ausländerfeindlichkeit.
Ich sage: Wer bisher als geistiger Brandstifter wirkt, dessen
Ruf nach der Feuerwehr ist Heuchelei. Denn: Wer Nationalismus
und hundsgemeinen Rassismus sät, erntet Naziterror, Rassismus
und Antisemitismus.
Rechtsextremismus wirksam bekämpfen verlangt aber auch:
ausländerfeindliche Gesetze müssen abgeschafft werden.
Erfordert Rechte für alle hier lebenden Menschen. Heißt:
Die Abschiebehaft und das Asylbewerberleistungsgesetz gehören
endlich auf den Misthaufen. Das Ausländergesetz, das
Grundlage der Diskriminierung und Isolierung von Millionen
Menschen in Deutschland ist, gehört abgeschafft. Und
ich sage: Schluß mit der weiteren Diffamierung antinazistischer
und antirassistischer Gruppen und Initiativen. Treten wir
gemeinsam und einheitlich auf für ein solidarisches Miteinander
statt rassistischer Ausgrenzung.
Nie wieder Faschismus ist kein Lippenbekenntnis, sondern
Ansporn und Anlaß zum aktiven Handeln.
Konstantin
Wecker
Liedermacher
bezog in seinem neuen Lied, das er beim Konzert gegen Rechts
am Marienplatz vor 6000 Zuhörern erstmals der Öffentlichkeit
präsentierte, musikalisch Position:
Lied vom Vaterland
Was ist das nur, ein Vaterland,
In welchen Grenzen wohnt es?
Denselben wie vor hundert Jahrn,
Wen haßt es, wen verschont es?
Und was verbindet uns mit ihm,
Sein Reichtum, seine Siege?
Wie schnell hat man ihm doch verziehn
Die Toten und die Kriege.
Was läßt mich stolz sein auf ein
Land,
Nur weil es nicht so arm ist
Wie andre, wos vielleicht dafür
Dem Volk im Herzen warm ist?
Und hätte nicht ein Mutterland
Ich weiß, das gibt es nicht
Für alle, die ihm anvertraut,
Ein lieberes Gesicht? ...
Was ist das nur, ein Vaterland?
Was ist das nur, ein Vaterland?
Ist es dein Fleisch und Blut?
Macht es dir, wenn du rebellierst
Zum freien Denken Mut?
Ist es dein Vater, der dich stets
Auch über Klippen führt,
Oder ein sturer alter Mann,
Der dir den Hals zuschnürt?
Willst du an dieses Vaters Hand
Wirklich in schweren Zeiten
Voll Zuversicht zu diesem Band
Durch Höhn und Tiefen schreiten?
Liebt dich denn dieser Vater auch?
Wie wirst du ihn beerben?
Läßt er dich ohne Eifersucht
Wirklich erwachsen werden?
Vom Untertan zum Bürger werden?
Genügt es denn, ein Kind zu sein,
Daß man sich erst beschwert,
Wenn einen dieser Vater Staat
Nicht wie gewohnt ernährt?
Und müßten wir nicht endlich auch
Den Vater uns erziehen?
Ihn fordern mit Ideen,
Mit Visionen, Utopien?
Was soll das noch, ein Vaterland
In den vernetzten Zeiten!
Wollen wir denn wirklich noch
Um Blut und Rasse streiten?
Nicht spreche ich von Heimat,
Ihren Kindheitszauberorten,
Den Klängen, den Gerüchen,
All den wohlvertrauten Worten.
Und Heimat ist doch überall,
Wo man sich damit segnet,
Daß man, für Augenblicke nur,
Sich endlich selbst begegnet.
Nur dieses arg mißbrauchte Wort
Läßt sich für mich nicht fassen.
Ich kann den Ausdruck Vaterland
Nicht lieben und nicht hassen.
Und glaubt mir, Freunde, mir genügt
Mein Vater zur Genüge.
Ein ganzes Land als Vater war
Schon immer eine Lüge.
Ich will mich weder an ein Wort
Noch an Parolen binden:
Laßt uns doch unser Vaterland
Tagtäglich neu erfinden.
Otto Schwerdt
Vorsitzender des Landesausschusses der Israelitischen Kultusgemeinden
in Bayern
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Es tut gut, so viele Menschen heute auf diesem Platz versammelt
zu sehen, und gemeinsam mit ihnen gegen Rechtsradikalismus
und rechte Gewalt zu demonstrieren.
Fast täglich hören und lesen wir, daß Menschen
anderer Hautfarbe, aus anderen Kulturkreisen und anderer Religionszugehörigkeit
hier in Deutschland von Neo-Nazis und rechten Gruppen beleidigt,
angegriffen, brutal mißhandelt und ermordet werden.
Den Opfern dieses aufgekeimten Rechtsradikalismus gehört
mein Mitgefühl.
Sie werden mißhandelt und getötet von jungen Menschen,
die vor nichts zurückschrecken. Die Täter haben
jeden Maßstab für Moral und Menschlichkeit verloren.
Was treibt 14jährige oder 15jährige an, wenn sie
auf ihre Opfer losgehen, sie mißhandeln? Wann sind ihnen
unerläßliche moralische Maßstäbe abhanden
gekommen? Hatten sie solche Maßstäbe überhaupt
schon entwickelt? Erschüttert nehme ich wahr, daß
diese Jugendlichen sich lachend, ohne Reue, und ohne Scham
in der Öffentlichkeit präsentieren. Ich sehe ein
verächtliches Grinsen, ein Verhöhnen der Opfer,
wie ich es schon einmal sah damals in Nazideutschland,
als Häftling in den Konzentrationslagern Fünfteichen,
Leitmeritz und Theresienstadt.
In meiner Heimatstadt Braunschweig erlebte ich schon 1930
pompöse Nazi-Aufmärsche. Der Terror gegen jüdische
Bürger setzte ein. Erst waren es nur wenige Vorfälle,
dann wurden sie zahlreicher. Nach und nach gingen die Nazis
immer brutaler vor. Die ersten Übergriffe, die mir in
Erinnerung sind, liegen weit vor der Machtübernahme der
Nationalsozialisten im Jahr 1933. Damals nahm die Gesellschaft
diese Gewalttaten nicht ernst. Man tat sie als Verfehlung
einiger weniger ab. Viele Menschen wollten nicht wissen, was
in ihrer Mitte geschah. Die Gesellschaft begann wegzusehen.
Heute bin ich sicher, daß die Täter durch die gleichgültige
Haltung der Gesellschaft und ihrer Institutionen ermutigt
wurden. Gleichgültigkeit konnte als Zustimmung interpretiert
werden, das Selbstbewußtsein der Täter wuchs. Dieses
Wegsehen war in meinen Augen ein entscheidender Schritt ins
Unrechtsregime.
Wir haben uns hier getroffen, um ein Zeichen zu setzen -
ein klares Zeichen gegen Rechtsradikalismus, ein klares Zeichen
gegen die Gewalt. Das Deutschland des Jahres 2000 darf nicht
wegsehen. Nicht wegsehen heißt, rechtem Gedankengut
und rechter Gewalt entschlossen entgegen zu treten. Doch wie
sollen wir dies tun? Die Justiz kann härtere Haftstrafen
für rechte Gewalttäter verhängen. Soziale Zerrüttung,
Orientierungslosigkeit und Arbeitslosigkeit dürfen nicht
als Entschuldigung für die Taten gelten. Es kann nicht
sein, daß kurze Haftstrafen oder sogar Bewährungsstrafen
die Antwort des Rechtsstaates auf die brutalen rechtsextremistischen
Verbrechen sind.
Ein Verbot der NPD wäre meines Erachtens nach Abwägen
des Für und Wider ein richtiger Schritt gegen Rechts.
Der Staat würde so ein unmißverständliches
Signal setzen. In den Schulen muß die Aufklärung
weitergeführt werden. Die Aussage Martin Walsers: es
sei jetzt genug gemeint war die öffentliche
Erinnerung an Auschwitz darf nicht befolgt werden,
denn viele Schüler wissen nicht, was das Wort Holocaust
bedeutet, sie wissen nicht, was in Auschwitz bis 1945 geschah.
Durch Aufklärung in den Schulen erhöhen wir die
Chance, daß junge Menschen Unrecht auch als Unrecht
verstehen, Intoleranz erkennen und ablehnen. Abstumpfung und
Teilnahmslosigkeit bereiten der Intoleranz den Weg. Im Beruf,
im Freundeskreis und in der Familie ist es deshalb wichtig,
miteinander zu sprechen, Anteil zu nehmen an den Problemen
und Bedürfnissen anderer. Ich denke, wer Anteil nimmt,
lernt andere besser zu verstehen. Und: wer andere verstehen
lernt, lernt tolerant zu sein.
Denke ich an die Zeit in Braunschweig zurück, wird mir
bewußt, wie wichtig das Verhalten des Einzelnen ist.
Er ist Teil der Gesellschaft. Der Einzelne muß Zivilcourage
aufbauen und zeigen. Dies ist ein unermeßlicher Schutz
für jede Gesellschaft, die in einer demokratischen Grundordnung
nach humanen Werten leben will.
Zivilcourage zeigen, heißt: Klar Stellung beziehen
gegen menschenverachtende Äußerungen und Intoleranz,
wo immer man ihnen begegnet; sei es auf der Straße,
unter Kollegen, in der Schule, im Freundeskreis oder sogar
in der Familie. Zivilcourage zeigen heißt auch: Unmittelbar
helfen, wenn Menschen auf der Straße, in Straßenbahnen
oder Bussen angepöbelt werden, wenn rechte Gewalttäter
ihre Opfer durch die Städte jagen und brutal zusammenschlagen.
Jeder Einzelne kann und muß sofort handeln. Er hat die
Möglichkeit und auch die Pflicht, Hilfe zu holen. Er
kann und muß die Polizei verständigen. Es macht
betroffen, wenn man liest, daß Passanten nicht einmal
Hilfe holten.
Es gibt viele Menschen, die wollen helfen, wissen aber nicht,
wie man am besten vorgeht. In manchen Situationen ist es schwer,
effektive Hilfe zu organisieren. Was tut man zum Beispiel,
wenn man mit der Straßenbahn zur Arbeit fährt und
eine Gruppe rechter Schläger steigt zu? Man fühlt
sich bedroht. Man fürchtet um die beiden Afrikaner, die
sich im hinteren Teil der Straßenbahn befinden. Was
kann man tun, wenn die Situation zu eskalieren droht?
Vor kurzem berichtete der Schriftsteller Ralf Giordano in
einem Radiointerview, was Menschen in einer solchen Situation
taten.
Ein Mann stand auf und forderte seine Mitfahrer auf, sich
nicht gefallen zu lassen, daß hier Ausländer angegriffen
werden. Er wolle nicht morgen in der Zeitung lesen müssen,
daß auch in seiner Stadt wieder Ausländer Opfer
rechter Gewalt geworden sind. Er ermunterte die anderen, Stellung
zu beziehen. Gemeinsam demonstrierten sie den rechten Schlägern
ihre Ablehnung. Diese verließen die Straßenbahn.
Was tat dieser Mann? Er tat nichts anderes, als seine Mitfahrer
in die Pflicht zu nehmen. Als einzelner war er machtlos gegen
die unmittelbare Gewalt nur gemeinsam mit der Unterstützung
der anderen konnte geholfen werden. Dieser Vorfall zeigt,
daß es Strategien und Wege gibt, Gewalt abzuwenden.
In diesem Zusammenhang möchte ich eine Anregung an Institutionen,
Vereine und vor allem an Schulen geben. Den Menschen, die
helfen wollen, muß gezeigt werden, wie sie dies tun
können. Wie in einem Selbstverteidigungskurs kann man
lernen, gefährliche Situationen einzuschätzen, man
kann sich klar machen, wie sich die Täter in der Regel
verhalten werden. Es können Verhaltensstrategien empfohlen
werden, die je nach der Situation, in der man sich befindet,
die Chance erhöhen, drohende Gewalt abzuwenden, Eskalationen
zu vermeiden. Wir brauchen eine Art Erste-Hilfe-Kurs
in angewandter Zivilcourage. In meinen Augen wäre
dies eine konkrete Hilfestellung für alle, die helfen
wollen.
Jeder einzelne lebt seinem Nächsten vor. Wenn wir Zivilcourage
zeigen, werden wir bei anderen Zivilcourage fördern und
in manchen Fällen vielleicht auch entstehen lassen. Jeder
Einzelne muß bei sich selber anfangen. Jeder Einzelne
von uns trägt ein Stück Verantwortung dafür,
wie wir zusammenleben und somit Verantwortung für
die Gesellschaft, in der wir leben. Ich danke Ihnen.